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Kriegskindheit
Forschungsprojekt an der Ludwig-Maximilians-Universität München

"Kriegskindheit im 2. Weltkrieg und ihre Folgen”

Zusammenfassung.
Das Projekt sollte empirische Beiträge zur Verarbeitung der Kindheit im Zweiten Weltkrieg und unter dem Nationalsozialismus in Deutschland („Kriegskindheit“) erbringen. Dazu wurden die Repräsentanzen der Kriegskindheit nach 60 Jahren in halbstandardisierten Interviews erkundet.
Das Projekt wurde 2003 begründet und lief bis 2009. Die Publikation der Ergebnisse ist erfolgt (Button Publications).
Es stand unter dem Thema „Kriegskindheiten im 2. Weltkrieg und ihre Folgen“  und sollte empirische Beiträge zur Bedeutung der Kindheit im Zweiten Weltkrieg und unter dem Nationalsozialismus in Deutschland  für die persönliche Entwicklung der Betroffenen erbringen. Im Zentrum sanden Interviews, in denen die Repräsentanz der Kriegskindheit nach 60 Jahren erkundet wurde.

Vorstudien

  • In einer Literaturstudie (Vorstudie 1) wurde eine systematische Literaturrecherche zur Thematik der „Kriegskindheit“ in der psychologischen und psychotherapeutischen Fachliteratur durchgeführt. Das Ergebnis zeigt, dass es nur eine geringe Zahl von wissenschaftlichen Arbeiten gibt, die – jenseits der Folgen des Holocaust –  psycho-therapeutische Aspekte der Kindheit im II. Weltkrieg und der NS-Zeit behandeln. Es sind zwar sporadisch immer wieder einzelne Arbeiten erschienen, diese fanden aber keine nachhaltige Resonanz. Die Thematik kann daher weitgehend als Neuland betrachtet werden. (Cisneros 2004)
  • In einer „Berichtsstudie“ (Vorstudie 2) wurden 150 einschlägige Psychotherapieberichte aus dem Gutachtenverfahren zur Kostenübernahme psychotherapeutischer Behandlungen ausgewertet. Dabei wurden im Sinne der qualitativen Sozialforschung Kategorien entwickelt und evaluiert, die es ermöglichen, spezifische Einflussfaktoren der Kriegs- und NS-Zeit auf die individuelle Entwicklung ausfindig zu machen, die von den Bericht erstellenden Psychotherapeuten als bedeutsam für die Entwicklung bzw. Behandlung der Patienten betrachtet werden. Insgesamt zeigte sich, dass die Thematik der „Kriegskindheit“ bei der Darstellung der Biographie einem beträchtlichen Teil der Patienten von den Psychotherapeuten erwähnt wurde, dass diese Erwähnungen aber kaum in die psychodynamische Beurteilung und die Behandlungsplanung  Eingang fanden und auch in den Berichten über die Behandlungsinhalte kaum wieder auftauchten. (Ermann, Hughes und Katz 2007; Katz 2004, Hughes 2005)

Fragebogenuntersuchungen 

  • Die Untersuchung zum Beeinträchtigungserleben befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen der Anzahl von Bereichen (z.B. Flucht, Bombardierung, Hunger usw.). in denen kriegsbedingte Traumatisierungen und Belastungen zu verarbeiten waren, und subjektiv erlebter Belastung und Unterstützung (Diplomarbeit Alegiani Sagnotti 2006).
  • Die Untersuchung zur Adultisierung betrachtet den Zusammenhang zwischen kriegskindheitsbedingten Belastungen und familiären transgenerationalen Prozessen, in welchen die Betroffenen „früh erwachsen wurden“, eine allgemeinere Form des sonst als Parentifizierung beschriebenen Phänomens (Diplomarbeit Memmert 2006).
  • Die Stralsund-Studie beschäftigt sich mit der Verarbeitung der Kriegskindheit in Ostdeutschland. Dazu wurden Symptome und Spätfolgen von Traumatisierungen erfasst. Es zeigt sich, dass die Kriegskinder unserer Studien stärker durch posttraumatische Symptome belastet sind als die Durchschnittsbevölkerung (Kuwert u.a. 2006).

Fragebogenuntersuchungen

  • Psychosomatische Spätfolgen der Kriegskindheit in Westdeutschland
  • Psychosomatische Spätfolgen der Kriegskindheit in Deutschland – ein Vergleich zwischen Ost und West 

 Interviewstudien

Für diese Studien wurden auf der Grundlage einer breit gestreuten Fragebogenuntersuchung 100 Angehörige der Geburtsjahrgänge 1933 – 1945 rekrutiert, die im Machtbereich des damaligen deutschen Reichsgebietes einschl. der sog. Anschlussgebiete als Deutsche geboren wurden, darunter 30 Psychoanalytiker. Gegenstand der Studie waren die gegenwärtigen Repräsentanzen von Erfahrungen und Beziehungen im Zweiten Weltkrieg und unter dem Nationalsozialismus sowie in der unmittelbaren Nachkriegszeit und die spätere Weiterentwicklung. Diese wurden in einem eigens für diesen Zweck konzipierten semistrukturierten „Interview zur Kriegskindheit“ erfasst. Die Auswertung erfolgte inhaltsanalytisch nach Methoden der qualitativen Forschung

Die Auswertungen der Interviews zur Kriegskindheit bei Angehörigen der Jahrgänge 1933 – 45 enthalten eine Fülle von Material, zu dem die folgenden Studien durchgeführt wurden. 

  • Diskurskohärenz im Interview: Diese Studie untersucht das Kommunikationsverhalten im Interview. Sie erfasst insbesondere Brüche und Auffälligkeiten in der Darstellung ausgewählter Repräsentanzen.
  • Selbstbild und Identität: In dieser Studie werden die Selbstrepräsentanzen unter der Frage untersucht, welchen Einfluss das Schicksal als Kriegskind auf das Selbstverständnis der Betroffenen hat.
  • Objektrepräsentanzen: Es werden das Vaterbild, das Mutterbild, das Bild der NS-Zeit und das Bild des II. WK unter der Frage untersucht, was erzählt wird, wenn diese Bilder im Forschungsinterview aktiviert werden.
  • In Psychoanalytiker-Studien mit 30 Psychoanalytikern wurde zusätzlich zur Basisstudie die Bedeutung der Kindheitserfahrungen für die Sozialisation und die heutige Berufstätigkeit als Psychoanalytiker untersucht. 
  • Die Japan-Studie soll die Frage nach dem Einfluss des speziellen politischen, historischen und kulturellen Hintergrundes für die Verarbeitung der Kriegskindheit untersuchen. Dazu werden zusätzlich ca. 15 Interviews mit japanischen Kriegskindern geführt und mit einem parallelisierten Sample aus der Basisstichprobe verglichen.

Generelles Ergebnis 

Die Untersuchungen haben das Wissen um die Verarbeitung von kollektiven Belastungen wie dem Kindschicksal bereichert. Als Ergebnis liegen Erkenntnisse über die Einflüsse von Kriegsereignissen und Nationalsozialismus auf die Erlebnis-Verarbeitung und die späteren Repräsentanzen und Einstellungen von Betroffenen vor. Dabei handelt es sich um eine Erkundungs- und Grundlagenstudie, die keine unmittelbare Nutzanwendung hat, aber einen wertvollen Wissenshintergrund für den Einfluss kollektiver Schicksale und ihrer Behandlung eröffnet.

Prozedere 

  • Die Interviewphase wurde 2007 abgeschlossen. Es wurden 65 Interviews in der Allgemeinbevölkerung und 30 Interviews mit Psychoanalytikern durchgeführt.
  • 2006/07 Der überwiegende Teil der Interviews wurde transkribiert.
  • 2007/08 Die Auswertungsmethodik wurdekonzipiert und erprobt. Ratertrainings wurden durchgeführt.
  • 2009 - 11 Erste Ergebnisse wurden im Frühjahr 2009 auf einem Symposion in der Universität München vorgestellt, weitere auf der Europäischen Tagung für traumatischen Stress in Wien im Sommer 2011 und anlässlich der 60-Jahres-Feier der Konan-Universität in Kobe / Japan im Oktober 2011.
  • 2012 Die Ergebnisse liegen als akademische Arbeiten (siehe Themata) vor uind wurden in Zeitschriften und in einer Monografie publiziert (siehe Publikationen).